IMAGE KOLUMNE NR. 31 / AUGUST 2009
Herbede und der neue Busfahrplan
Neulich in Heven. Herr Wohlfahrt fährt mit seinem privaten PKW gemütlich durch die Tempo-30-Zone in Heven-Dorf, hält vorschriftsmäßig am STOP-Schild an der Universitätsstraße an und will gerade Richtung Herbede abbiegen, als auf der Beifahrerseite plötzlich eine Person auftaucht und hektisch an das Fenster der Beifahrertür klopft. „Fahren Sie nach Herbede?“ fragte eine leicht verzweifelt klingende Stimme. „Ja“, antwortete ich, „wollen Sie mitfahren?“ Sekunden später saß der Mann auf meinem Beifahrersitz. Scheinbar überwältigt von der nicht zu erwartenden Hilfsbereitschaft brachen bei ihm dann alle Dämme und er nutzte die fünfminütige Fahrt bis nach Herbede zu einer Beichte – seiner persönlichen Beichte, dass er an dem neuen Busfahrplan gescheitert wäre.
Seit 12 Stunden hätte er an der Bushaltestelle gestanden. Die ersten zwei Stunden hätte er dort auf die Linie 350 gewartet. Eine ältere Dame habe ihm dann erklärt, dass es die Linie 350 nicht mehr gäbe und diese jetzt seit Kurzem mit der Linie 320 zusammengelegt worden sei. Er hätte sich dann bei der älteren Dame bedankt und danach vier Stunden auf die Linie 670 gewartet – weil 350 + 320 = 670! Ein netter Mann hätte ihn dann aber aufgeklärt über seinen Denkfehler. Es gäbe keine Linie 670, nur noch die Linie 320. Aus einem Anflug von Mitleid hätte der nette Mann ihm dann die 28-seitige Infobroschüre im DIN-A6-Format mit dem neuen Fahrplan der Linie 320 geschenkt. Die nächsten zwei Stunden hätte er dann versucht, ohne Lesebrille und –lampe, die mikroskopisch kleine Schrift in der Broschüre, und vor allen Dingen deren Inhalt, zu verstehen. Dies wäre ihm aber nur begrenzt gelungen. Er hätte die nächsten Stunden danach dann damit verbracht, über bestimmte Mitteilungen in der Broschüre zu philosophieren, zum Beispiel über den Begriff „Schwachverkehrszeit“. War die „Schwachverkehrszeit“ der Grund dafür, dass er immer noch an der Bushaltestelle stand? Sollte er nun Autos zählen und etwas tun, damit eine „Starkverkehrszeit“ entstand? Einen Stau verursachen mitten auf der Dorfstr. in Heven? Aber dann würde ja auch wieder kein Bus durchkommen! Und wie war die Information in der Broschüre gemeint, „die Linie 320 teilt sich in Heven-Dorf“? Fährt die linke Hälfte des Busses dann nach Herbede und die rechte Hälfte des Busses nach Bochum? Oder teilt sich der Bus in eine Vorderhälfte und in eine Hinterhälfte wie beim Schinken – und wo muss ich dann sitzen und was ist mit den Leuten in der Mitte? Und was ist die Umstellung auf einen 15/30-Minutentakt? Er würde den 4/4-Takt kennen und den Walzertakt. Musste man dafür eine spezielle Musikausbildung haben und konnte man diese auf dem zweiten Bildungswege bei der VHS eventuell berufsbegleitend auch noch nachholen wenn man diese nicht hatte?
Das Gespräch (oder besser die Fahrplanbeichte) endete in diesem Moment genau so plötzlich wie sie angefangen hatte. Die Meesmannstr. In Herbede war erreicht. Der Mann bedankte sich und stieg aus. Noch erschlagen von dem Redefluss genoss ich den Augenblick der Ruhe und in Gedanken sah ich mich in meinem PKW sitzen und an der Frontschreibe leuchtete eine große Hinweistafel: „Linie 350 – reloaded“.