IMAGE KOLUMNE NR. 47 / NOVEMBER 2010

Herbede und die Brückentechnologie

Haben Sie manchmal auch den Eindruck, dass Sie jemand auf die Schüppe nehmen will? Neulich hatte ich mal wieder so ein Erlebnis. Da treffe ich einen Jungen aus der alten Nachbarschaft wieder, der mittlerweile zu einem stattlichen jungen Mann herangereift ist. Natürlich frage ich ihn, was er denn nun so beruflich machen würde – und ich bekomme einen kurzen Abriss seiner letzten zehn Lebensjahre: er wolle ja Berufspolitiker werden und er hätte sich überlegt, vor der großen Politikkarriere zu studieren, damit er als zukünftig erfolgreicher Politiker auch ein Fachgebiet aufweisen könne.  Erst hätte er zwei Semester Medizin studiert, Augenmedizin, weil er überlegt hätte, endlich eine Gesundheitsreform mit Durchblick machen zu wollen.  Er sei dann aber umgestiegen auf Erziehungswissenschaften, um den Bereich der Bildung in diesem Land mal endlich ganz weit nach vorne zu bringen. Nach zwei Semestern sei er aber wieder umgestiegen auf BWL, weil „die nächste Finanzkrise kommt bestimmt und dann werden politische Experten gebraucht“. Das Studium dauerte erstaunlicher Weise auch nur zwei Semester, weil er dann umgestiegen sei auf Jura – als Politiker würde man doch immer und von jeder Mann angegriffen, da kann es nicht schaden einige juristische Tricks auf Lager zu haben. Nach der Aufzählung weiterer mehrerer Fachgebiete des deutschen Hochschulwesens hakte ich dann im Gespräch mal ein und fragte, was er denn jetzt aktuell mache.  Er schilderte voller Begeisterung, dass er gerade im zweiten Semester Physik wäre. Das wäre der politische Bereich der Zukunft, gerade jetzt, wo die Atomenergie als Brückentechnologie die Zukunft ist! Meinerseits versuchte ich kurz zu hinterfragen ob es schlau wäre, in Herbede die große politische Karriere mit diesem Thema zu starten, weil wir ja a) kein Atomkraftwerk in Herbede haben und b) ein großer Teil der Bevölkerung der ganzen Sache doch eher skeptisch gegenüber stehen würde. Seine Antwort auf diese Frage hat mich dann allerdings verblüfft: die ganze Thematik Atomkraftwerke würde ihn eigentlich gar nicht interessieren. Ihn würde nur die Brückentechnologie interessieren und wenn das Ganze jetzt für Jahrzehnte festgeschrieben wird wäre das für ihn ein furioser Start als Politiker in Herbede. Er sah mein etwas ratloses Gesicht und klärte mich auf: die Ruhrbrücke nach Heven wäre doch marode und müsste doch saniert werden oder sogar neu gebaut werden! Und wenn jetzt die Brückentechnologie für Jahrzehnte weiter finanziert wird, dann wäre er als Politiker aber komplett im grünen Bereich.  Er wäre dann der Retter der Brücke, weil er die Brückentechnologie nach Herbede geholt hat! Das Gespräch verharrte einen Moment in Stille. Ich sammelte mich kurz und gab ihm dann einen ernst gemeinten Ratschlag. „Junge, studiere besser etwas anderes, das wird nichts. Du hast bei deiner Brückentechnologie doch komplett übersehen, dass die Laufzeiten dafür auf 8-12 Jahre festgeschrieben worden sind. Du kriegst doch nicht eine einzige Wählerstimme von den Herbedern, wenn die Laufzeit über die Ruhrbrücke demnächst acht Jahre beträgt, da kommt jeder Herbeder doch nur noch zweimal in seinem Leben aus dem Ort raus, acht Jahre Laufzeit von Herbede nach Heven geht doch gar nicht!“. Nachdenklich verabschiedete er sich von mir  und ich hörte ihn leise sagen: „Vielleicht sollte ich doch etwas anderes studieren…“

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Micki Wohlfahrt | info@kabarett-k3.de